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Das Herz von Rüschlikon

 

Es sind die siebziger Jahre und ein frischer Wind weht durch das Land. Seit Anfang des Jahrzehnts das Frauenstimmrecht auf eidgenössischer Ebene eingeführt worden ist, beginnen sich landauf, landab Interessensgruppen auch zu Themen der Familie zu bilden. In dieser Zeit ziehen Heidi und Otto Müller-Stamm mit ihren zwei kleinen Söhnen von Kilchberg ins benachbarte Rüschlikon. Überraschend wird die Familie hier mit einer wenig kinderfreundlichen Umgebung konfrontiert. So beklagen sich Nachbarn darüber, dass ausgerechnet eine Familie mit Kindern eingezogen sei. Müller-Stamm jammert aber nicht, sondern versammelt eine kleine, sehr engagierte Gruppe von Müttern und Vätern um sich. Nachdem die juristischen Notwendigkeiten erledigt und ein entsprechender Kurs besucht worden ist, wird am 26. Januar 1977 der Elternverein Rüschlikon (EvR) gegründet. In jenem ersten Jahr hat der Verein bereits 77 zahlende Mitglieder und verfügt über ein Budget von über 2’000 Franken, bestehend aus den Mitgliederbeiträgen von 30 Franken pro Familie und Jahr.

 

Es ist viel Herzblut gefordert in diesen Anfangszeiten. Der EvR stösst bei der im Dorf dominierenden FDP auf Widerstand, Müller-Stamm wird vorgeworfen, dass sei doch „ein linker Verein“: Sie, die damals eben gerade selber der Partei beigetreten ist, kontert jeweils mit Humor, wenn der EvR ein Linker Verein sei, sei sie gerne links, erinnert sie sich. Einige Kreise befürchten zudem, dass ein Verein für Eltern auch politischen Einfluss nehmen könnte. Zwar betont der EvR stets, keine politischen Ziele zu verfolgen. In der Realität wird der Verein bereits in den ersten Jahren zu einem gewichtigen Faktor in der Gemeindepolitik. So werden zuerst Familienthemen, dann ein Kandidat für die Schulpflege und später auch einer für den Gemeinderat portiert. Letzteres hat sich durchgesetzt, auch heute noch kann der EvR einem Rüschliker, einer Rüschlikerin ein Sprungbrett für ein Amt in der Gemeinde bieten.

 

Der Verein startet nun eine ganze Reihe Initiativen, die heute fest zum Dorfleben gehören. Die erste Spielgruppe wird ins Leben gerufen, die beliebte Kinderkleider- und Spielsachenbörse gestartet und erstmals eine Liste mit Babysittern erstellt. Dem Zeitgeist folgend, organisiert die eingeschworene Truppe immer wieder Vorträge zu aktuellen Themen. Einer der berühmtesten Redner ist der damals noch nicht sehr bekannte Suchtspezialist Prof. Ambros Uchtenhagen. Als er zum Thema Drogen im grossen Saal des Schulhauses Dorf spricht, sind die Autos weit herum geparkt. „Danach spürten wir erstmals Respekt von Seiten der Gemeinde und Parteien für unsere Arbeit“, erinnert sich Müller-Stamm. Die Arbeit ist sehr kreativ. Um möglichst viele Interessenten an die Generalversammlung zu locken, wird auch einmal der Berner Troubadour Jacob Stickelberger eingeladen. Sein Gesang am inoffiziellen Teil der GV ist ein voller Erfolg. Mit tatkräftiger Hilfe vieler Freiwilliger werden zudem Theaterstücke aufgeführt, die Proben gehören heute zu den liebsten Erinnerungen von Müller-Stamm.

 

Als Bernhard Elsener 1982 mit seiner Familie nach Rüschlikon zieht, ist der Verein bereits etabliert. Der inzwischen für die CVP in den Gemeinderat gewählte Elsener erklärt, dass es immer wieder Widerstände gab. Beispielsweise stellten sich einige Männer im Gemeinderat gegen den geplanten Tageshort. Erst Elseners konkrete Frage an seinen Kollegen „was macht dann Deine Tochter nach dem Studium, wenn sie Mutter ist und arbeiten will?“ ebnete den Weg. 1991 wird dann der erste Mittagshort in der Schule Dorf, 1994 in der Schule Moos eröffnet. Die Tagesbetreuung ist heute ein festes Angebot in Rüschlikon.

 

Im Jahr 2017, in seinem vierzigsten Jahr, steht der aktuelle Vorstand unter Präsidentin Urte Sabelus einer gut geölten Maschine vor, die läuft und läuft und läuft. Fast 300 Mitglieder zählt der Verein, das Budget für 2016 betrug 120’000 Franken. Diese stammen aus den Beiträgen der Mitglieder, 40 Fr. pro Familie und Jahr, der professionell geführten Spielgruppe und der äusserst beliebten Kinderkleider- und Spielzeugbörse. Die Anlässe des EvR wie die Spiel- und Spassnachmittage in der Dorfturnhalle, das Sommerfest im Oetikergut oder der Samichlausanlass in der Chopfholzhütte gehören heute fest zum Dorfleben. Da unterdessen die schulischen Themen der Vergangenheit umgesetzt sind, wie Blockzeiten, Kinderkrippe oder Schülerhort, findet zudem eine Ablösung der vorher stark schulisch geprägten Themen statt.

 

Arbeit und Auftritt des Vereins sind heute auf allen Ebenen so professionell, das vergessen gehen kann, wie wichtig auch heute das Herzblut des Vorstands und der Helfer ist. Laut Elsener sind die Angebote des EvR unverzichtbar für die Gemeinde, diese könnte deren Leistungen weder von der Vielfalt noch vom Personal her erbringen. Die Gemeinde unterstützt den Verein daher auch mit Räumlichkeiten. So hat der Eltern-Kind-Treff im neuen Vereinslokal am Bahnhof genauso wie das Café International eine hoffentlich neue Heimat gefunden.

 

Rüschlikon ist als Wohn- und Lebensort beliebt, 2016 gewann die Gemeinde gar den ersten Platz im Gemeinderanking der «Weltwoche». Früher waren im Dorf vor allem Bürger mit einem Schweizer Pass ansässig, heute ist Rüschlikon ein eigentliches Einwandererdorf geworden. Die gute Infrastruktur und die Schulen werden sehr geschätzt, ebenso der See, das Erholungsgebiet und die Nähe zur Stadt. Das hat mit den zwei internationalen Konzernen IBM und Swiss Re und natürlich dem Gottlieb Duttweiler Institut (GDI) zu tun. Elsener betont, dass deshalb eine grössere Weltoffenheit herrsche als in anderen Gemeinden. Die Kehrseite sind die hohen Landpreise und teure Wohnungsmieten. Die Gemeinde versucht mit der Stiftung Wohnungsbau, Gegensteuer zu geben, so dass sich auch Rüschliker Familien noch eine Wohnung leisten können.  Beim alle zwei Jahre stattfindenden Neuzuzügertag sind viel mehr kleine Kinder dabei – und viel mehr verschiedene Sprachen. „Einen Teil meiner Begrüssungsrede halte ich daher auf Englisch“ sagt der Gemeindepräsident. Es stellen sich damit aber auch neue Herausforderungen, so sind die Wohnkosten vor allem für junge Rüschlikoner Familien oft nur schwer zu tragen. Für Elsener sind daher Lösungsansätze zu diesem Problem eines seiner ganz grossen Anliegen.

 

Die demographische Entwicklung hat auch Einfluss auf die Vereinsarbeit. Der EvR leistet hier einen wichtigen Beitrag bei der Integration der Zuzüger. Quasi als „Starthilfe“ sind die EvR-Website und verschiedene Vereinsbroschüren auch ins Englische übersetzt worden. Ein Expat Coffee Morning mit Informationen und Tipps zum Dorfleben kam bei neu Zugezogenen, die noch kein Deutsch sprechen, sehr gut an. Doch Integration klappt am besten bei den Anlässen, so Sabelus. „Unter unseren Helfern haben wir auch immer wieder Expats oder Flüchtlingsfamilien, die sich gerne integrieren wollen. Das wird dann zur Win-Win-Situation: Die Leute knüpfen bei den Anlässen schnell Kontakte und üben, sich auf Deutsch zu verständigen – und unser Verein hat mehr helfende Hände“.

 

Heute wie damals liegt die grösste Herausforderung auch für den EvR darin, auf genügend freiwillige Helfer und künftige Vorstandsmitglieder zurückgreifen zu können. Früher war die Rekrutierung einfacher, auch weil mehr Frauen zu Hause tätig waren. In der heutigen Arbeitswelt, wo meist beide Ehepartner arbeiten und dies dann oft auch länger als früher, ist es schwieriger geworden, ehrenamtliche Mitarbeiter zu finden. Der EvR und die Gemeinde sind beide ausgesprochen pragmatisch dazu übergegangen, nicht mehr unbedingt nur Personen für ein Amt zu suchen, sondern stattdessen Freiwillige für ein bestimmtes Projekt um Mitwirkung anzufragen. Das funktioniere eigentlich ganz gut.

 

Das Dorfleben in Rüschlikon ist deshalb intakt, weil immer auf 200 bis 300 engagierte Leute zurückgegriffen werden könne, sagt Elsener. Für den EvR ist dies entsprechend ein harter Kern von 20 bis 30 Personen, der massgeblich zum aktiven Vereinsleben beiträgt. Nur mit solch engagierten Helfern können die für das Dorfleben wichtigen Vereine auch künftig existieren.

Herzliche Gratulation zu vierzig Jahren EvR!